Christkindgedichte




Briefe an das Christkindlein
Hei! wie hat die kleine Welt
Vor dem hohen Weihnachtstage,
Bis der Weihnachtsengel schellt,
Ihre liebe Noth und Plage!
Kopfzerbrechen mancherlei,
Was man für Bescherung wolle,
Die das Christkind bringen solle -
Denn noch steht das Wünschen frei.
Brieflein werden fabricirt,
Mit der Himmelspost spedirt,
Und wir wollen einmal sehn,
Was doch all darin mag stehn.
Fritzchen schreibt
Fritzchen, das noch klimperklein,
Malt auf seinen Schieferstein
Faustedicke Hahnenklauen,
Pudelnärrisch anzuschauen,
Und die Bittschrift lehnt er dann
An die Fensterscheiben an,
Daß das Christkind über Nacht,
Wenn es seinen Rundgang macht,
Sich daraus studiren solle,
Was der Fritz am liebsten wolle:
Meistentheils recht praktikabel,
Große Stücke für den Schnabel,
Aber auch ein Schaukelpferd,
Drauf er Heißa! Hopsa! fährt,
Eine Peitsch', es zu regieren,
Einen Wagen zum Kutschiren
Und ein Horn von gutem Ton -
Fertig ist der Postillon.
Da die andern Kinder lachen,
Sagt der Vater: "Laßt ihn machen!
Lesen kann das Christkindlein
Deutsch, Hebräisch und Latein,
Hahnenklauen und Fraktur -
Darum laßt das Bürschlein nur.
Fritzchen! mußt nur immer, immer
Artig sein, und nimmer, nimmer
Wieder ungeberdig schrei'n
Oder eigensinnig sein:
Dann - sollst sehn - erfüllen sich
Deine Wünsche sicherlich."
Lieschen schreibt
Jungferlies, das liebe Fäntchen,
Schreibt schon ein recht niedlich Händchen,
Schreibt auf dünnes Postpapier
Seine Wünsche fein und zier.
Eine Pupp' ist Numro Ein,
Doch die Puppe muß auch schrei'n,
Augen schließen, Hälschen drehen,
Sitzen können, tanzen, gehen
Und, vor allen andern Gaben,
Eine Crinoline haben.
Neues Kleid ist Nummer Zwei,
Schürzchen, Hütchen auch dabei,
Dieses Läppchen, jenes Bändchen,
Und Glacée für's feine Händchen.
Ferner noch will Jungferlies
Ein Kaffee - und Theeservice,
Kännchen, Täßchen, blanke Näpfchen,
Kochgeschirre, Topf und Töpfchen,
Daß es seine Spielkam'raden
Könne auf Visite laden;
Dann, zum Schluß, noch allerhand
Siebensachen ungenannt.
"Denn - so sagt sie hinterdrein -
Will auch immer artig sein,
Sittsam, arbeitsam und still,
Alles thun, was Mutter will,
Fleißig lernen, Stube fegen,
Alles fein in Ordnung hegen,
Reinlich sein und Zeug versparen,
Wiegen und das Kind verwahren,
Schlafen gehn zur rechten Stund',
Beten Morgens, Abends, und ...."
""Halt einmal!"" so ruft Mama,
Die in dieses Briefchen sah:
""Alles das recht schön - indessen
Hast du mancherlei vergessen;
Füge deiner Prahlerei
Diese Tugenden noch bei:
Kann mich schon recht eitel drehn,
Lächelnd in den Spiegel sehn,
Und, hab' ich was Neues an,
Bläh' mich wie ein Puterhahn.
Bin dabei ein zänkisch Ding,
Wein' um jeden Pfifferling,
Bin die rechte Plaudertasche,
Und, zum Schluß, ich leck' und nasche.
Sieh! dann hört der heil'ge Christ
Ganz und gar, wie Lieschen ist.""
Welche leid'ge Nachschrift dies!
O wie weinte Jungferlies,
Bis die Mutter endlich sprach:
"Einmal lass' ich dir's noch nach,
Wenn du solch' verkehrtes Treiben
Willst in Zukunft lassen bleiben.
Hier, versprich mir's! dann vielleicht
Wird das Christkind noch erweicht,
Dir aus jenen vielen Dingen,
Was dir nütze ist, zu bringen.
Aber streiche jedes Wort,
Das nach Hoffart schmeckte, fort,
Ganz besonders die Glacée!" -
Lieschen that's, ob wohl, ob weh,
Und das Brieflein ward beendigt
Und der Mutter eingehändigt,
Die es gleich am andern Morgen
Will zur Himmelspost besorgen.
Karl schreibt
Endlich kommt der Karl heran,
Der sich ein Dreiviertels-Mann
Oder mehr schon dünken mag.
Dieser will am Weihnachtstag
Wohl ein Fuder schöner Dinge:
Kasten für die Schmetterlinge,
Schlitten, blank mit Stahl beschlagen,
Ueber Schnee und Eis zu jagen,
Einen Drachen leichtgefügt,
Der bis unter'n Himmel fliegt,
Farbkästlein zum Kerlchen-Malen,
Lottospiel mit neunzig Zahlen,
Schultornister, Hosenträger,
Und als rechter Spatzenjäger
Einen tücht'gen Bolzenbogen.
Wenn das Christkind, ihm gewogen,
Solche prächt'ge Sachen bringe,
Dann verspricht er Wunderdinge,
Goldne Berg' an Fleiß und Tugend,
Will ein Muster sein der Jugend,
Er kann dieses, er kann das,
Er will leisten, Gott weiß was.
Vater spricht: "Ein schöner Sinn!
Doch vermiss' ich Manches drin,
Was du leistest. - Füge bei:
Ich kann Unart vielerlei;
Ich kann rennen und rumoren,
Daß dem Vater gell'n die Ohren;
Fratzen schneiden, Nägel beißen,
Hosen reißen, Schuh' verschleißen,
Steine werfen, Hunde zerren,
Kinder auf der Straße närren,
Ueber alte Leute lachen,
Flecken in die Bücher machen,
Gegen alle Anstandsregeln
Rittlings auf den Stühlen flegeln,
Mittags in der Schüssel wühlen,
Nach dem größten Bissen schielen,
Und so weiter - hundert Theile;
Und das Schlimmste: auch zuweilen
Hab' ich, wenn ich was peccirt,
Mich im Lügen schon probirt.
Darum, Christkind, sei so gut,
Bring' mir auch, was noth mir thut,
Eine recht durable, gute,
Wohlgeflocht'ne Birkenruthe." -
Vater nahm den Brief zur Hand,
Schrieb das alles auf den Rand,
Ob der Bursche gleich dazu
Maulte und bis auf die Schuh'
Seine Lippen hangen ließ -
Keinen Pfennig half ihm dies.
Er gelobte hoch und theuer -
Vater sagte: "Faule Eier!
Was hast du nicht schon versprochen,
Und doch immer noch gebrochen!
Darum Rüthlein - ja, das Rüthlein!
Das kurirt wohl noch dein Müthlein.
Darum Brieflein zugemacht
Und zur Himmelspost gebracht!"
Und die Kinder alle dreie,
Alle dreie an der Reihe
Sind gespannt auf jene Stunde,
Wo das Christkind macht die Runde.
Christtag, Christtag komme schnelle!
Weihnachtsengel, schelle, schelle!
Friedrich Wilhelm Grimme
Bei meinem Kinde am Weihnachtsabend
(1896)
Nun wird es still auf Erden,
Sein Treiben ließ der Wind. -
Christabend will es werden,
Mein liebes, liebes Kind.
Hörst du die Glocken von ferne,
So mild, so wunderbar?
Siehst du, wie am Himmel die Sterne
Erwachen glitzernd und klar?
Wie deine Augen spähen,
So tief, so groß, so weit! -
Du möchtest das Christkind sehen
In seinem silbernen Kleid?
Das wallet leise, ganz leise,
Sein Gang ist leicht und licht, -
Verborgen ist seine Reise,
Die Menschen sehen es nicht.
Und dennoch kommt es gegangen
In alle Häuser hinein,
Von seinem Kleide hangen
Bleibt Gold und schimmernder Schein.
Auch dir entzündet's die Kerzen
Und füllt mit Gaben den Schrein,
Und will von deinem Herzen
Gesucht, geliebt nur sein.
O, gieb ihm Lieb' um Liebe,
Kein Herz ist seinem gleich; -
Und wenn dir gar nichts bliebe,
Das Christkind macht dich reich. -
Jetzt wird's ganz dunkel auf Erden, -
Bald kommt dein Sehnen zur Ruh! -
Ich wollt, ich könnte werden
Zu Weihnacht, mein Kind, wie du.
Georg Oertel



